Unsere Beweggründe

Erfahrungsbericht zur medizinischen Versorgung ohne Mundschutz

Vor einigen Wochen habe ich einen Bericht gelesen, in dem sinngemäß stand, dass es aufgrund der Maskenpflicht älteren Menschen und Risikogruppen ermöglicht wird, weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich gehöre nicht zur Risikogruppe, sondern zu den sogenannten Ausnahmen, die keinen Mund-Nasen-Schutz tragen können. „Ausnahmen“ sind in Menschen, die aus medizinischen Gründen oder wegen einer psychischen oder geistigen Behinderung keine Maske tragen können. Diese spezielle Regelung ist vielen nicht bekannt und wird leider auch etwas unter den Teppich gekehrt. Nicht jeder sieht auf den ersten Blick “krank” aus, so dass er augenscheinlich zu dieser Ausnahme gehören könnte. Nun, was macht das mit diesen Menschen? Sie outen sich praktisch öffentlich – ob sie wollen oder nicht – zu dieser Personengruppe zu gehören. Es muss eine ärztliche Bescheinigung bereit gehalten werden, falls man darauf angesprochen wird. Komischer Beigeschmack. Ich habe also eine ärztliche Bescheinigung in der Hand, die mir das bestätigt, musste mir vor einigen Wochen aber trotzdem beim Arzt ein Tuch vors Gesicht binden. Ob Maske oder Tuch macht bei mir allerdings keinen Unterschied aus, wie ich jetzt weiß. In Folge dessen bekam ich Luftnot und eine Panikattacke, die mir zwei Tage später noch in den Knochen saß. Aufgrund einer Posttraumatischen Belastungsstörung häufen sich dadurch Flashbacks, also Wiedererleben und Erinnerungen – damit verbunden Panik. Bei einem Wiedererleben einer traumatischen Situation kann das Gehirn nicht unterscheiden: Die Situation wird also erlebt, als wäre sie gerade erst geschehen. Ich bin chronisch krank, habe mehrere Schmerzerkrankungen und muss regelmäßig Termine wahrnehmen. Ein Auto habe ich nicht, in Busse werde ich ohne Maske nicht reingelassen. Mein Bewegungsradius ist damit auf 3-4 km eingeschränkt. Davon abgesehen, komme ich selbst in die Praxen unter diesen Umständen nicht rein. Ich muss in regelmäßigen Abständen bei unterschiedlichen Ärzten zu Kontrollen. Wie soll das funktionieren? Wie lange soll ich ohne medizinische Betreuung zurechtkommen? Wenn es Ausnahmen für den Mund-Nasen-Schutz (in NRW) gibt, warum gelten sie dann nicht? Ich habe aktuell seit über vier Wochen Beschwerden, die ich medizinisch abklären lassen müsste, damit ich nicht bald wieder auf dem OP-Tisch liege. Wie soll das gehen, wenn ich weder Bus fahren, noch beim Arzt reinkommen kann? Ich bin doch sicher nicht allein. Wer hat an Menschen, wie uns gedacht? Wer übernimmt die Verantwortung für die Folgen? Als ich mit diesem Anliegen an verschiedene Politiker herangetreten bin, wurde ich auf das sogenannte Hausrecht der jeweiligen Ärzte und Unternehmen verwiesen und zeitgleich wurde mir doch dringend dazu angeraten, weiterhin Arzttermine wahrzunehmen. Wenn Ärzten aber Strafen drohen, wie es mir auch schon in einer Arztpraxis mitgeteilt wurde, wer behandelt uns dann noch (freiwillig)? An wen muss ich mich also wenden, um weiterhin medizinisch versorgt zu werden?

06.06.2020

Erfahrungsbericht zur psychotherapeutischen Versorgung

In psychotherapeutischen Praxen muss jetzt also auch eine Maske getragen werden. Vom Therapeuten, als auch vom Klienten – auch im Trauma-Bereich. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Situation triggert (z.B. bei erlebtem Überfall oder Missbrauch)? Es heißt eigentlich, ein Mundschutz sei dann notwendig, wenn der Sicherheitsabstand von 1,50m zwischen Therapeut und Klient nicht eingehalten werden könne. Eine klare Aussage, wie ich finde. Jedoch scheint die Lage noch nicht abschließend geklärt zu sein, da diese Verordnung unterschiedlich ausgelegt werden kann. Niemand scheint sich so recht verantwortlich zu fühlen. Aber ganz ehrlich: Wenn der Abstand in einem psychotherapeutischen Setting nicht gegeben wäre, wäre das mehr als bedenklich! Derzeit ist es so, dass ein Mundschutz getragen werden muss. Zu einem Psychotherapeuten zu gehen bedeutet für viele Menschen nach wie vor eine Überwindung. Nicht selten gibt es eine enorme Hemmschwelle, sich zu zeigen, sich sichtbar zu machen. Was macht das nun mit dem Klienten, wenn er plötzlich sein Gegenüber nicht mehr 100%ig einschätzen kann? Wenn er plötzlich verunsichert ist oder vielleicht sowieso schon ein Vertrauensproblem hat? Was macht das mit der Verbindung zwischen Therapeut und Klient? Ist nicht gerade die Mimik auch ein wertvoller Bestandteil des ganzen Prozesses? Wie viel Nutzen steckt in dem Ganzen? Schadet diese Maßnahme vielleicht mehr, als sie eigentlich hilft?

05.06.2020

Auszug von der Seite der Psychotherapeutenkammer NRW:

„Die Pflicht zur Mund-Nase-Bedeckung gilt auch bei psychotherapeutischen Behandlungen. Sie wird durch das Tragen eines textilen Mund-Nasen-Schutzes erfüllt, beispielsweise durch sogenannte „Alltagsmasken“, oder das Bedecken von Mund und Nase mit einem Schal oder einem Tuch. Nach § 2 Abs. 3 Satz 2 der Verordnung gilt die Verpflichtung zur Mund-Nase-Bedeckung nicht für Kinder bis zum Schuleintritt und nicht für Personen, die aus medizinischen Gründen keine Mund-Nase-Bedeckung tragen können.“

http://www.ptk-nrw.de/de/aktuelles/corona/faqs-zu-corona/welche-hygienemassnahmen-sind-zu-beachten.html